Partner
Services
Statistiken
Wir
Interview mit DARK MILLENNIUM (04.06.2026)
Wenige Tage nach der Veröffentlichung des sechsten Albums von DARK MILLENNIUM herrscht bei Sänger Christian Mertens gute Laune: "COME" wird vielerorts gefeiert für – ja, wofür eigentlich genau? Denn die Avantgarde-Metal-Band aus dem Hochsauerland macht es den meisten Hörern auch anno 2026 gar nicht so einfach – oder doch? Bei einer Presseschau reflektiert der Frontmann unterschiedliche Aspekte und Wahrnehmungen von "COME" – und freut sich darüber, dass seine Band einmal mehr kaum in gängige Schubladen einsortiert werden kann, sondern treue Fans wie neue Hörer erstmal herausfordert, um sie schlussendlich mit unvergleichlicher Musik zu belohnen.
Ich habe mich dieser Tage mit Björn Thorsten Jaschinski vom Deaf Forever über Euer neues Album ausgetauscht, und er schrieb: "Ich habe selten mit einer Platte einer Lieblingsband so gekämpft, wie mit ‚COME‘, aber dann habe ich sie ins Herz geschlossen." Kannst Du das nachvollziehen?
Ja, ich kann das nachvollziehen, denn ich glaube, dass "COME" auf der einen Seite schon eine große Herausforderung ist. Auf der anderen Seite darf jeder, der diese Band mag, damit rechnen, dass Dinge passieren, mit denen man nicht rechnet. (lacht)
Ich freue mich, wenn sich Leute dann trotzdem eine Zeit lang damit beschäftigen, bevor sie ein endgültiges Urteil fällen. Das finde ich total wünschenswert, doch in Zeiten des Streamings, in denen mal eben reingezappt, hier mal kurz reingehört und dort mal kurz das Video gecheckt wird, geht es komplett unter. Mit DARK MILLENNIUM haben wir die Intention, Alben zu schreiben, die dazu einladen, sich ein bisschen näher mit ihnen zu beschäftigen. Das gilt nicht nur für "COME".
Ich habe Björn Thorsten jedenfalls geschrieben, dass es lustig ist, wie unterschiedlich Musik auf uns wirkt, denn mich habt Ihr bereits mit der Single "Amber" gehabt. Ich habe das Video gesehen, den Song gehört und mich gefragt, wie eingängig das bitteschön geworden ist?! Auf "COME" klingt Ihr nach wie vor proggy und in meiner Wahrnehmung gleichzeitig so eingängig und nahbar wie selten zuvor.
(lacht) Und das ist so geil, wie unterschiedlich die Wahrnehmung sein kann. Ich habe bis jetzt eine ganze Reihe absolut gegenteiliger Reaktionen erhalten, bei denen es hieß, "COME" wäre das Abgefahrenste, was wir bisher gemacht hätten. Ich finde es toll, wenn ein Album solche Reaktionen auslösen kann. Jeder soll ja die Chance haben, ein Album ganz persönlich zu erleben, und ich finde es super, wenn aus all den Reaktionen eben nicht so eine ganz klare Aussage entsteht. Mich freut das.
Bei manchen Reviews werden ja auch Warnungen ausgesprochen. So schreibt Olaf vom Zephyr’s Odem über "COME": "Schon nach wenigen Minuten wird klar: Das ist nichts für nebenbei. Wer hier nebenher Mails checkt, Bierkästen sortiert oder sich fragt, was es heute Abend zu essen gibt, hat dieses Album nicht verdient."
(lacht sich kaputt) Schön, dass du "Warnung" sagst, das finde ich gut! Und genau das meinte ich ja gerade: Es ist keine Musik zum Nebenbei-Reinhören. Allein das finde ich schon super, unabhängig davon, wie es nachher bewertet wird. Ich wiederhole mich da gerne, weil es in unserer schnelllebigen Zeit nicht so oft vorkommt.
Was die Bewertung angeht, drehen wir jetzt ein bisschen auf, denn Janko von Lack of Lies spricht von "einem schlüssigen Konzept, das einer pathologischen Selbstreflexion gleicht".
Konzept? Nein, denn das Grundthema der Platte ist ja bekanntermaßen der Rausch, und der Rausch hat und folgt keinem Konzept. Jeder Rausch ist unterschiedlich, einzigartig und hat keine konzeptionelle Struktur. Wir können eher von einem Grundthema sprechen, das hinter der Platte steht und worauf alles basiert. Mit der "pathologischen Selbstreflexion" kann ich was anfangen. Generell ist es mir wichtig, an dieser Stelle zu betonen, dass wir dem Zuhörer mit "COME" eine Welt bieten, in der er seine eigenen Geschichten erleben kann. Wir geben nicht konkret vor, was genau da passiert oder was man dabei empfinden sollte – ganz im Gegenteil. Ich wünsche mir, dass jeder auf die Platte persönlich reagiert, und dabei gibt es kein "richtig" oder "falsch" oder eine allgemeingültige Aussage. Bei einem Interview meinte der Interviewer, dass der Song doch sicher von einem bestimmten Thema handeln würde, und ich habe geantwortet, dass, wenn das seine Wahrnehmung ist, das für ihn so zutreffen kann. Doch es kann auch sein, dass ich es ganz anders empfinde.
Der Herr Gisbertson vom Legacy schreibt: "‚COME‘ hat etwas zutiefst Harmonisches, das aber erst zum Leben erwacht, wenn die Disharmonie ihren Teil in der Darbietung bekommen hat."
Ja, da kann ich auch einiges mit anfangen, denn das passt zu diesen unterschiedlichen Phasen in den Rauschzuständen, die man erlebt. Ich erlebe das Album als Prozess und würde es gar nicht in einzelne Songs unterteilen, sondern für mich besteht das Album eigentlich aus einem Song. Wir haben vielleicht unbewusst versucht, den Zuhörern zu ermöglichen, diesen Song immer wieder auf eine neue Art, also wie einen "never ending process" zu erleben. Innerhalb solcher Prozesse passiert und verändert sich ganz viel, und natürlich gehören da schöne wie auch verstörende Dinge dazu, und du weißt nie, was als Nächstes passiert. Insofern ist diese Anmerkung aus dem Legacy sehr treffend, wie ich finde.
Stephan Lenze von Powermetal.de schließt im Grunde genommen nahtlos daran an, wenn er schreibt: "Genau dieses Wechselspiel aus Atmosphäre, Härte und totaler Unberechenbarkeit macht den Reiz von ‚COME‘ aus, dem man sich nur schwerlich entziehen kann."
(lacht) Über solche Aussagen freue ich mich sehr!
Und genau das bringt doch auf den Punkt, was die Leute entweder Blut lecken oder auf Abstand gehen lässt…
Ja, definitiv. Wir waren ja noch nie Everybody‘s Darling, sondern eher eine Nischen-Band. Wir versuchen gar nicht zwanghaft, so zu sein, sondern das ist einfach unsere Natur mit unserer Arbeitsweise, die so etwas entstehen lässt. Das polarisiert und ich kann jeden verstehen, der sagt "okay, Leute, da bin ich raus". Das geht mir als Musikliebhaber, der ich ja auch bin, ganz genauso.
Das ließ sich auf dem Hymns-of-Eternal-Decay-Festival in Wermelskrichen gut beobachten, wo ein Teil des Publikums Euren Auftritt extrem abgefeiert hat und der andere Teil mit vielen Fragezeichen in den Gesichtern recht schnell entschwunden war.
(lacht) Ja, das ist ganz klar das, was diese Band auslöst, und das ist auch völlig okay! Ich würde das nie bewerten oder persönlich angepisst sein, wenn mir jemand sagt, dass er mit unserer Musik nicht mehr mitkommt.
Michael Haifl vom Saitenkult hat einen ganz anderen Aspekt erwähnt, der auch Gehör verdient hat, denn er schreibt: "Audiophil gehört ‚COME‘ ebenfalls zu den spannendsten Extrem-Metal-Produktionen des Jahres. Der analoge Klang besitzt Wärme, Schmutz und Wucht zugleich."
Das Kompliment nehme ich gerne an und gebe es auch gerne an Hilton weiter, denn er ist der Hauptverantwortliche dafür, natürlich in Kommunikation mit uns anderen, was wir eigentlich haben wollen. Es handelt sich um keine bewusste Entscheidung gegen einen modernen Sound, und wir hätten ja auch die Möglichkeit, einen ganz anderen Sound zu machen, aber wir sind halt der Meinung, dass zu unserer Musik, zu unserer Arbeitsweise und Einstellung ein wärmerer Retro-Sound besser passt als ein zu moderner Sound. Wir fühlen uns damit einfach wohler. Als wir damals die "Ashore…" rausbrachten, waren wir noch durch die technischen Möglichkeiten eingeschränkt, doch bereits damals fühlte ich mich mit einem wärmeren Sound einfach wohler. Das gilt auch für viele Platten, die ich total liebe: Die haben eher einen wärmeren Sound. Gerade, wenn es um Atmosphäre geht, finde ich einen solchen Sound einladender als wenn es zu steril klingt. Aber natürlich ist auch das Geschmackssache. Für uns ist es bis jetzt alternativlos.
Zugleich ist es eine hervorragende Leistung, wenn ein Musiker dazu in der Lage ist, einen solchen Sound für die eigene Band im eigenen Studio zu produzieren – Stichwort "professionelle Distanz". Ich erinnere mich an ein Underground-Konzert in Nachrodt vor rund 30 Jahren, auf dem ich jemanden aus Eurem Umfeld getroffen hatte, der von Euren Aufnahmen erzählte. Seitdem stelle ich mir Hilton als abgedrehten Magier vor, der die Leute so ein bisschen in den Wahnsinn damit treibt, wie viele Gitarrenspuren er übereinanderlegt…
(lacht) Ich muss noch mal betonen, dass es kein Problem wäre, alles ganz modern klingen zu lassen, doch wir sind eben Musikliebhaber. Wir wollen halt kein Hörbuch, sondern immer noch ein echtes Buch in der Hand halten. Dabei geht es nicht darum, zu sagen, das, was andere Bands machen, ist schlechter. Für uns ist es einfach ein Liebhaber-Ding.
Auf jeden Fall habt Ihr seit "Where Oceans Collide" mit Andre einen Drummer in der Band, der Euch ganz mächtig nach vorne prügelt, oder?
Ja, das ist für uns schon so eine kleine Infusion gewesen. Andre ist ein paar Jahre jünger als wir und nicht nur ein superklasse Mensch, sondern auch ein sehr geiler Schlagzeuger, der gut Gas geben, sich aber auch im richtigen Moment – (lachend) und unter Berücksichtigung einiger Hinweise von uns – zurückhalten kann. Christoph war damals unser Matt Cameron, und Andre ist halt unser Dave Grohl am Schlagzeug.
Wobei es Eurer Musik, wie ich in meiner Rezi geschrieben habe, so guttut, dass er nicht die gängigen Extrem-Metal-Standards abliefert, sondern Eure Dynamik und Unvorhersehbarkeit unterstützt.
Ja, total, er hat unsere DNA schon so ein bisschen verinnerlicht.
Vorhin hast Du erwähnt, dass rund um "COME" einige Ideen liegengeblieben sind. Das heißt, wir dürfen mit einem Album namens "BACK" oder ähnlichem rechnen?
Selbstverständlich, wobei es sich nicht nur um Ideen aus den "COME"-Sessions handelt, sondern um Dinge, Ideen und Riffs, die wir über all die Jahre angesammelt haben. Bei mir sind es konzeptionelle Ideen und Textfetzen. Wenn wir am nächsten Album arbeiten werden, dann schauen wir uns das alles mal an und gucken, was davon passt. Wie gesagt, das ist mittlerweile ein sehr freier und kreativer Prozess.
Kontakt